Der schwule beste Freund – Der Versuch einer Erklärung

Der schwule beste Freund – Der Versuch einer Erklärung

Wir kennen es vermutlich alle aus diversen Filmen und Serien: Heterosexuelle und -romantische Cisfrauen wünschen sich einen schwulen besten Freund. Jemanden, mit dem sie shoppen gehen, brunchen und Sekt trinken gehen können. Alle stereotypischen Vorurteile werden in dieser Objektifizierung von schwulen Männern verpackt und zu einem kleinen, toxischen Paket geschnürt.

Warum ist das Bild des schwulen besten Freundes als dekoratives Anhängsel so gefährlich?

Diese Frage lässt sich leicht beantworten: Menschen sind keine dekorativen Anhängsel. Damit sollte eigentlich schon alles gesagt sein. Schwule Männer sind Menschen mit Persönlichkeit, Bedürfnissen, Träumen, Wünschen und Interessen. Doch in diesem Stereotyp werden sie von realen Personen zu Objekten degradiert, zu Modeaccessoires, mit denen sich die moderne hetero Cisfrau von Welt umgibt. Das ist schlichtweg nicht okay.

Jemanden auf Grund von sexueller Orientierung in eine Schublade zu stecken und zu objektifizieren ist Diskriminierung, egal wie gut man es meint. Diese Diskriminierung beginnt bei verallgemeinerten Aussagen wie „Oh, ich LIEBE schwule Männer!“, „Wir beide müssen unbedingt shoppen gehen!“ und „Du bist schwul? Wir werden beste Freund*innen!“ und endet damit, dass diese Frauen schwule Männer als ein Accessoire zu ihrem Lebensstil sehen.

Schwule Männer sind auch Verbündete

Doch kann es hinter diesem gefährlichen Stereotyp auch weniger toxische Gründe geben, warum hetero Cisfrauen sich in einigen Fällen lieber mit schwulen Männern umgeben, als Freundschaften zu hetero Cismännern aufzubauen? Ich würde behaupten, ja, die gibt es.

Frauen gehören zu einer diskriminierten Menschengruppe in unserer Gesellschaft und auch schwule Männer sind leider immer noch marginalisiert. Schwulsein wird mit Unmännlichkeit gleichgesetzt, mit Femininität und alles Feminine gilt als weniger wertvoll als alles Maskuline. Schwule Männer und Frauen kämpfen also beide (wenn auch auf unterschiedliche Weise) gegen die gesellschaftlichen Strukturen und Rollenbilder, die das Patriarchat mit sich bringt. Es ist nicht erstaunlich, wenn Frauen schwule Männer daher als ihre Verbündeten sehen. Natürlich sind nicht alle Frauen Unterstützerinnen der Queerrechtsbewegung und natürlich sind nicht alle schwulen Männer Feministen, doch es ist verständlich, dass solche Parallelen gezogen werden.

Cismänner als Freunde? Friendzone-Alarm

Ein weiterer, und meiner Meinung nach viel wichtigerer Punkt, ist der, dass wir Frauen hetero Cismännern nicht trauen. Wir haben schmerzvoll gelernt, dass unglaublich viele hetero Cismänner nur unsere Gesellschaft suchen, wenn sie sexuelles Interesse an uns haben. Diese Männer, die denken, dass nett zu uns zu sein ihnen ein Recht auf unseren Körper, unsere Liebe, unsere Hingabe gibt. Und die sich, wenn wir sie abweisen, beleidigt in die von ihnen erdachte Friendzone verziehen. Denn genau so wie das Stereotyp des schwulen besten Freundes gibt es in den Medien die beliebte Storyline, in der der beste Freund nur darauf wartet, dass die Frau endlich bemerkt, dass der beste Typ für sie schon längst an ihrer Seite ist. Und ganz ehrlich? Das ist verdammt gruselig!

Wir Frauen haben gelernt, dass immer die Gefahr bestehen kann, dass dieser tolle nette hetero Cismann, der unser bester Kumpel ist, eigentlich nur mit uns schlafen will. Und dass dieser Mann bei Ablehnung die Freundschaft beendet oder sogar aggressiv wird, weil er sich zu Unrecht in die Friendzone versetzt fühlt. Und nein, natürlich sind nicht alle hetero Cismänner so, aber alleine, dass diese Gefahr besteht, hält viele hetero Cisfrauen davon ab, enge platonische Freundschaften zu hetero Cismännern aufzubauen.

Mehr Chancen auf tiefe, ehrliche Freundschaft

Hier kommt der schwule beste Freund ins Spiel. Schwule Männer möchten für gewöhnlich nicht mit Frauen schlafen, sie stehen nicht auf sie und sie suchen ihre Gesellschaft auch nicht, um sie irgendwie rumzukriegen. Das macht die Freundschaft zu ihnen ungefährlicher für uns hetero Cisfrauen. Keine Angst vor Hintergedanken und negativen Konsequenzen. Einfach eine simple, reine Freundschaft. Und ja, das hat damit zu tun, dass diese Freunde schwul sind. Wichtig ist, dass es sich hier trotzdem um Freundschaft handelt und nicht um die Objektifizierung einer Menschengruppe. Daraus ergibt sich auch die Konsequenz, dass natürlich nicht alle schwulen Männer Kumpelmaterial sind, denn, Überraschung, die Chemie muss überhaupt erstmal stimmen.

Wenn ich also sage „Die meisten meiner cismännlichen Freunde sind schwul.“, meine ich nicht, dass ich mir eine Armee von Shoppingbegleitern geschaffen habe, sondern dass mir hetero Cismänner meistens zu suspekt sind, um mich auf eine tiefe und ehrliche Freundschaft einzulassen. Meistens trinken wir übrigens Bier, quatschen über Politik, Doctor Who und Harry Potter und machen Dinge, die ich mit all meinen anderen Freund*innen auch tue. Denn am Ende ist die Freundschaft zwischen schwulen Männern und Frauen genau das: eine simple Freundschaft.

Lady Tea ist ewige Studentin, Veganerin und klassisch extrovertiert. Sie lebt minimalistisch und liebt ihr adoptiertes Shetlandpony. Sie schreibt ungern nüchtern.

One thought on “Der schwule beste Freund – Der Versuch einer Erklärung

  1. Wie gut, dass mein schwuler bester Freund shoppen hasst (ich musste ihm die Hosengröße 29W 30L erklären…), Sekt kann er auch nicht leide, brunchen… doch, das geht. Da geht dann auch mal Sekt – zum „Sektfrühstück“. Aber sonst ist das Bäh. 😉

    Doch die Aussage, dass es allgemein als Frau leichter ist, zu einem schwulen Cis-Mann eine echte, ehrliche und tiefe Freundschaft aufzubauen als zu einem hetero Cis-Mann, kann ich genau so unterschreiben. Ich fühle mich total unverkrampft, keine Tat oder Aussage kann von mir fehlinterpretiert werden. Es ist einfach das, was es ist: „Ich hab dich lieb!“ bezieht sich auf den Menschen, nicht darauf, dass ich mit ihm schlafen will.
    Ich habe wenig so enge hetero Cis-Mann Freunde, die das auch so sehen und nicht mehr reininterpretieren. Schade eigentlich.

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