Handarbeit gegen die neue Häuslichkeit

Handarbeit gegen die neue Häuslichkeit

Es geht ein Trend durch die westliche Welt: Es wird wieder Handarbeit betrieben. Was vor einigen Jahren noch als spießig verschrien war und eher mit der Generation unserer Mütter und Großmütter assoziiert war, ist mit voller Wucht zurückgekehrt. Und diesmal hat es einen hippen, jungen Anstrich. Es ist auch Ausdruck einer neuen Art von Statussymbol, denn Individuelles selbst zu schaffen erfordert Muße und je nach gewählten Materialien auch mehr Geld als fertig gekaufte Produkte (so auch die Initiative Handarbeit). Frauen*, gar mit Tätowierungen und bunten Haaren, schreiben Nähblogs und haben YouTube-Kanäle, auf denen sie anderen Frauen* (ja, es gibt sehr wenige Männer* in dieser Domäne) erklären, wie man Hohlsäume und Knopflöcher näht, Mützen häkelt und alten T-Shirts neue Looks verpasst.

Handarbeiten als Selbstermächtigung

Endlich bekommt man als modeinteressierter Mensch genug Anleitungen, um einigermaßen unfallfrei eigene Mode schneidern oder stricken zu können und sich damit die Frustration zu ersparen, den nicht norm-geformten Hintern in Konfektionsmode zwängen zu müssen. Man kann sich nach eigenem Gusto individuelle Kleidung bauen. Es gibt also etwas zu feiern. Ein Netz voller Näh-Communities, Frauen* und zwischendurch auch mal Männer*, die sich gegenseitig Tipps geben und helfen. Das könnte ein Musterbeispiel für Ermächtigung sein. Wenn man sich in dieser Welt bewegt, spielen dünngehungerte Models und normale Klamottenwerbung mit unrealistischen Körperbildern eine untergeordnete Rolle. Hier erfährt man, wie man sich schön und würdevoll kleiden kann, egal welche Körperform man hat. Es ist eine Lossagung vom Diktat der Modemacher*innen der Industrie. Selbst Handarbeiten macht frei von Zwängen. Erlaubt ist erstmal, was gefällt und was man in der Lage ist, selbst herzustellen.

Die Community MeMadeMittwoch hat sich beispielsweise einen Platz gesucht zwischen den Lifestyle-Modeblogger*innen und dem, was man abfällig “Bastelmuttis” nennen kann. Hier wird im Wesentlichen für sich selbst genäht, und zwar nach den eigenen Regeln. Doch das Paradies hat jüngst einige Risse bekommen. (Links zur aktuellen Diskussion gibt es hier und hier) Der Druck von außen ist stark. Der Mainstream brüllt dazwischen, nicht die Kleidung muss sich an die Träger*innen anpassen, sondern die Frauen* an die Schablone der Norm.

Vielfalt Fehlanzeige

Nun kann man der Community zu Gute halten, dass sie sich gegen das Schlankheitsdiktat auflehnt und solche Tendenzen im besten Falle auch wieder zerschlagen werden. Etwas anderes wird aber so gut wie gar nicht hinterfragt: Die Community ist hauptsächlich weiblich, weiß, bürgerlich und heteronormativ.

Wo sind die mit unterschiedlichen Hautfarben oder mit anderen kulturellen Hintergründen? Warum kann ich mich nicht in der gleichen Community, in der ich eine tolle Anleitung für einen Kurzmantel finde, auch mit Frauen* austauschen, die einen Hijab selbst nähen wollen? Es findet kaum Durchmischung statt. Das ist ein Problem. Genauso selten findet man freiwillig Kinderlose, oder queere Menschen, von Männern* ganz zu schweigen. Handarbeit behält den Stempel “weiblich”. Die wenigen Männer*, die es in der Community gibt, muss man mit der Lupe suchen.

Die neue Häuslichkeit

Auch noch so hippe Nähblogs gleichen sich oft, wenn man sich die “Über mich/uns”-Seiten anschaut, im deutschsprachigen wie im englischsprachigen Raum. “Ich bin XY Jahre alt und habe ein bis drei wundervolle Kleinkinder, wegen denen ich damals das Nähen/Stricken/Häkeln angefangen habe.” Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass es sich dabei um Mütter handelt, die wegen der Kinder zuhause geblieben sind. Das ist natürlich überspitzt und möglicherweise auch ein bisschen unfair. Es ist ja nicht verwerflich, seinem Kind eine Mütze nähen zu wollen, und Handarbeit ist auch ein Hobby, das kreative Ausdrucksmöglichkeiten schafft und einfach Spaß macht, auch weil man später Ergebnisse in den Händen hält. Wenn sich jedoch alles darum dreht, dass das Kind hübsch eingekleidet ist und das eigene Heim mit selbstgenähten Kissenbezügen und Co zurechtgemacht ist, dann fragt man zu Recht: “Wo bleibst du selbst, liebe Handarbeitende*? Machst du auch mal was für dich, oder nur für deine Familie, um die du glaubst dich aufopfernd kümmern zu müssen?”

Viele stoßen erst dazu, wenn sie Kinder haben, für die sie dann plötzlich süße Mützchen und individuelle Babyhosen nähen wollen. Wobei individuell sich hier nicht in den sich ewig wiederholenden Piraten- und Eulenmusterstoffen widerspiegelt, sondern nur darin, dass Mami höchstpersönlich die Nähte fabriziert hat und das völlig unbezahlt – das Kinderlächeln und die Anerkennung anderer Mütter ist ja schließlich der schönste Lohn.

Handarbeit ist nicht nur weiblich

Die 50er Jahre: Frauen* kehren zurück ins Heim, nachdem ihre Männer* wieder aus dem Krieg zurückgekehrt sind. “Macht es Euren Männern* zuhause hübsch, macht Euch selber hübsch” tönt es aus dem Blätterwald. Die Hausarbeitszeitschriften boomen und vermitteln, dass es für die moderne Frau* dazugehört, Handarbeiten zu machen. Und das Ganze mit wenig Mitteln, wo doch nach dem Krieg an allem Mangel herrschte! Selbermachen ist billig, nicht nur wegen der Materialien, sondern vor allem wegen der unbezahlten Arbeitszeit. Und die Frau*, könnte man argwöhnen, ist gleichzeitig beschäftigt und kommt nicht auf die Idee, wieder auf den Arbeitsmarkt zu drängen.

Aber war Handarbeit nicht immer etwas typisch weibliches? Seit dem 19. Jahrhundert ist dieses Bild vermittelt worden, auch in alten griechischen Sagen kamen schon die webenden und spinnenden Frauen vor. Wenn es um typische Arbeiten rund um das Haus und das Private geht, sind diese eher weiblich besetzt. Es gab aber auch von jeher Männer, die Textilarbeiten verrichtet haben, aber sie taten es meist eher, um damit ein Einkommen zu erzielen. Der Fokus war früher wie heute eher: Frauen* im Privaten, Männer* im Öffentlichen. So neigen Männer*, die heute Stricken und Nähen für sich entdecken, sehr viel mehr als Frauen* dazu, gleich eine lukrative Geschäftsidee daraus zu machen. Während die männlichen Gründer von Myboshi mehrere Angestellte haben und für Handgemachtes auch angemessene Preise aufrufen, verkauft so manche Frau* auf DaWanda und ETSY ihr liebevoll Selbstgemachtes weit unter Wert, weil sie sich nicht traut, für ihre Arbeitszeit einen guten Lohn draufzuschlagen. Schade, denn die eigene Arbeitskraft ist sehr wertvoll und sollte nicht verhökert werden, weil man zufällig den Job auch gerne macht – Lohn ist schließlich kein Schmerzensgeld.

Craftivismus – politische Strickkränzchen

Diese Neigung zur Selbstausbeutung und prekären Beschäftigung ist eines der Themen, die der sogenannte Craftivismus anprangert. Craftivismus ist ein Kunstwort aus Crafting (englisch für Basteln) und Aktivismus – und die Abkehr von dem vorherrschenden zuckersüßen Nähblog. Es verbindet Handarbeiten mit dem politischen Moment des Aktivismus. In den USA ist das eine Bewegung, die schon seit Jahrzehnten wirkt. Sie entstand im Zuge der Antiglobalisierungsbewegung und dem Ansatz der Riot-Girls, der besagt: jede*r kann im Grund alles selbst machen (Do It Yourself = DIY).

Craftivismus hat verschiedene Strömungen. Eine davon richtet sich gegen die eingangs beschriebene sogenannte „neue Häuslichkeit”, also die Tatsache, dass Frauen* sich freiwillig wieder ins Häusliche zurückziehen und nur noch dort wirken. Die Kritik an prekären Beschäftigungsverhältnissen und Selbstausbeutung von Selbermacher*innen wurde auch schon erwähnt. Andere stricken, häkeln, nähen und sticken ganz konkret gegen Politik oder gesellschaftliche Strukturen an. Sie bilden (queer-)feministische Gruppen, arbeiten in der Friedensbewegung und kritisieren beispielsweise die Produktionsbedingungen bei der Herstellung von billiger Massenware für den Kleidungsmarkt. Wieder andere sind künstlerisch unterwegs und machen mit Guerilla-Knitting-Aktionen auf triste Stadtpanoramen aufmerksam.

In Deutschland, der Schweiz und Österreich ist die Bewegung mittlerweile auch angekommen. Die Verbreitung hinkt noch immer hinter dem englischsprachigen Raum her. Doch gibt es Zusammenschlüsse wie den Critical Crafting Circle, oder lokale politische Strick- und Nähzirkel. So gründete auch die Feministin und Aktivistin Anke Domscheit-Berg einen Strickzirkel in Fürstenberg.

Männer* stricken sich hoch

Doch bevor wir hier von einer wieder nur weiblich* besetzten Bewegung ausgehen, muss erwähnt werden: Es gibt auch Männer*, die Craftivismus betreiben. Wundervolle Öffentlichkeitsarbeit, die sich gegen Geschlechterstereotype wendet, wird zum Beispiel von den Hombres Tejedores aus Chile gemacht. Sie stricken in der Öffentlichkeit, um sich gegen das festgefahrene Bild vom herabgewürdigten “weiblichen” Hobby der textilen Handarbeit zu richten. Und horcht man genau hin, würden viele Männer* das gerne tun. Oft braucht es aber ein übergeordnetes Hobby, wie beispielsweise das Herstellen eigener Kostüme für Cosplay-Zwecke, um als Mann* auch mal an der Nähmaschine sitzen zu dürfen. Schade, denn Textiles selbst zu schaffen ist eine wunderbar meditative, sinnliche und persönlich befriedigende Angelegenheit, die allen Geschlechtern offen stehen sollte.

Sofort aktiv werden

Wer jetzt Lust bekommen hat, selbst textil zu arbeiten und gleich ein kleines Projekt mit politischem Anspruch sucht, für die*den haben wir eine Idee. Ganz aktuell gibt es das “Pussyhat Project”. Frauen* aus den USA, aber auch von überall her, zeigen Flagge gegen den frisch vereidigten US-Präsidenten Trump, der Frauen*rechte mit Füßen tritt, und häkeln oder stricken sich Mützen, die wie Katzenohren aussehen – und tragen sie aus Protest. Wer auch gerne solch eine Mütze haben und sie als Solidaritätsbekundung tragen möchte, der*die findet hier eine Anleitung: Pussyhat Project. So kann man mit einem Hobby auch gleichzeitig klare Kante zeigen und für eine offene Gesellschaft kämpfen. Tolle Ideen gibt es überall im Netz, zum Beispiel bei Pinterest, oder auch bei Essie Ruth, die nicht nur über Crafting, sondern auch über ihre chronische Krankheit bloggt: Essie Ruth. Von ihr stammt unser wundervolles Artikelbild.

Buchtipps zum Weiterlesen

– Critical Crafting Circle (Hrsg.): “Craftista! Handarbeit als Aktivismus”
– Bonnie Burton: “Crafting with Feminism: 25 Girl-Powered Projects to Smash the Patriarchy“

Original-Foto by Essie Ruth: A woman´s place is in the revolution

Vero ist Nerd, Weltverbesserin und manchmal Zynikerin. Meistens ist sie pragmatisch, manchmal ideologisch. Sie hat Respekt für Andersdenkende, aber kein Verständnis für soziale Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten. Deswegen schreibt sie gegen verkrustete Strukturen an und versucht ansonsten, es einfach besser zu machen und ein gutes Vorbild zu sein.

3 thoughts on “Handarbeit gegen die neue Häuslichkeit

  1. Ich war auf halbem Wege durch diesen Post kurz vorm Zetern, als dann Craftivism ins Spiel kam – was mein Grund ist, Handarbeiten nicht als hirnlosen Tüddelkram verloren geben zu wollen. (Abgesehen davon, dass es Spaß macht und es gut ist, im Leben Dinge zu haben, die Spaß machen.) Es gibt so viele wundervolle feministische Stickerei, wenn man sich auf Instagram und Konsorten umguckt – euer Artikelbild ist ja schon ein reichlich großartiges Beispiel. 🙂

    Danke auch besonders für die Buchtipps, die muss ich mir mal aus der Nähe anschauen.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

    1. Das freut mich sehr und ich muss sagen: Der Artikel ist natürlich bewusst provokativ aufgebaut. Ich handwerkle ja selbst. 🙂
      Deinen Blog schau ich mir doch glatt auch gleich an!
      Liebe Grüße, Vero

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