Geposted, geteilt, geliked – Welt gerettet!

Geposted, geteilt, geliked – Welt gerettet!

Virtuelle soziale Netzwerke haben eine neue Art der Befriedigung mit sich gebracht.

Nein, dies ist kein Text über Pornographie.

Viele Menschen haben ein inneres Bedürfnis Gutes zu tun und zu helfen. Andere haben das Gefühl, sie müssten diese Art von Engagement erbringen, da es von den Mitmenschen erwartet wird. In jedem Fall jedoch haben die Betroffenen oft ein schlechtes Gefühl, wenn sie diesem intrinsischen bzw. extrinsischen Drang nicht nachkommen. Genau hier kommen Facebook, Twitter und Co. ins Spiel. Die Webseiten fungieren als rezeptfreier Tranquilizer. Wo im prä-Facebook-/Instagram-Zeitalter der inneren Unruhe nur durch das aktive Handeln in der realen Welt Abhilfe geschaffen werden konnte, so gibt es nun die Befriedigung auf Mausklick: einfach durch den Beitritt in eine der zahlreichen Facebook-Gruppen à la „Eine virtuelle Kerze für die Opfer des Tsunami“, „Je suis Charlie“, oder mit der Regenbogen-/Nationalflaggen-App.

Das lateinische Sprichwort De nihilo nihil fit – Von nichts kommt nichts – scheint veraltet. Solidarität auf Knopfdruck. Engagement von der Couch aus. Check: schlechtes Gewissen befriedigt!

Nietzsche zu zitieren ist irgendwie ausgelutscht, trotzdem: Auch wenn Nietzsche der Ansicht war, dass niemand jemals etwas ausschließlich für andere tue, dass alles Tun auf das Selbst gerichtet sei, aller Dienst dem Selbst diene und alle Liebe Selbstliebe sei, so kann wohl dennoch gesagt werden, dass Engagement trotzdem selbstloser ausgerichtet sein sollte. Weiter als einen Mausklick reichen müsste. Wenn das Eintreten in Gruppen zur Solidarisierung mit Menschen in der Offline-Welt keine Auswirkungen hat, der*die Nutzer*in dennoch Befriedigung empfindet, liegt der Schwerpunkt der Aktion ausschließlich auf der Selbstbefriedigung. Und irgendwie klingt das nun doch alles ein bisschen wie ein schlechter Pornostreifen. Nichts gegen Selbstbefriedigung, Selbstbefriedigung ist schön, aber: Wenn Selbstbefriedigung, dann ehrlich, und nicht unter dem Vorheucheln einer Orgie.

Beim Engagement außerhalb der virtuellen Plattform wird der Sinn verfolgt, durch eigenes Handeln Wirkungen bei anderen folgen zu lassen, nicht nur den Anschein zu geben.
In einer Zeit, in welcher die Informationen und Angaben bei Facebook schon nahezu als Fakten gewertet werden, hinterfragt kaum noch eine*r, was Lug und Trug ist und was nicht. Was macht der Mensch eigentlich wirklich und was schreibt Mensch nur?

Es ist nicht getan mit einer symbolischen Handlung wie dem Anzünden einer virtuellen Kerze, es ist meist noch nicht einmal mit dem Anzünden einer realen Kerze getan. Kein Regenbogen-Profilbild wird an der Wirklichkeit kratzen. Mit symbolischen Handlungen allein lässt sich die Welt noch nicht verbessern. Symbolik veranschaulicht, kann in Bewegung setzen, eine Etappe darstellen, aber niemals das Ziel sein. Wenn soziale Internet-Netzwerke zur Mobilisierung oder für Aufrufe verwendet werden, dann ist das nur zu begrüßen. Wenn Nutzer*innen den Sinn verfolgen, globale Netzwerke auszubilden, dann ist das wunderbar. Dann verhilft Facebook zu einem Stück mehr Freiheit, zu Zusammenwachsen und mehr Demokratie. Allerdings sollte die Aktion hier nicht aufhören.

Häufig, so scheint es, haben sich Online-Netzwerk-Mitglieder eine zweite Identität durch die Webseiten aufgebaut. Ich poste, also bin ich. Mensch muss heutzutage nicht mehr tun, um es in den Augen anderer getan zu haben. Wie ein Vakuumbeutel mit der Aufschrift „Ich: engagiert, intelligent, belesen“. Im Falle von Engagement ist dies nicht nur Symptom mangelnden Selbstbewusstseins, sondern auch von Bequemlichkeit.
Wer sich im realen Leben nicht engagiert, sollte das „Facebook-Engagement“ überdenken – und sei es auch nur aus Respekt vor all den Menschen da draußen, die wirklich etwas tun. Das ist der Kontext, für den das Wort Engagement stehen sollte.

Wieso nicht das Internet nutzen, um sich mit realen Offline-Gruppen zusammenzutun, sich in hitzigen Diskussionen mit Themen auseinanderzusetzen oder nebeneinander auf der Straße zu demonstrieren? Warum nicht die Augen vom flimmernden Bildschirm abwenden, um die Leidenschaft in den Augen der Gegenüber sehen zu können? Warum nicht mal zur Abwechslung ein Klopfen auf die Schulter, statt einem ‚Like‘? Das ist eine Art von Befriedigung, die es nicht so schnell online geben wird.

 

Foto-Credit: MattysFlicks

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