Essstörung: Schluss mit Stereotypen! (Teil 1)

Essstörung: Schluss mit Stereotypen! (Teil 1)

Ein Gastbeitrag von Paula Charlotte.

Foto © Sarah Letalik

 

Wie fühlt es sich an, an einer Essstörung zu leiden? Wie fühlt es sich an, nicht in das Muster der Diagnosekriterien zu passen und trotzdem zu leiden? Wie fühlt es sich an, sich selber keine Hilfe zuzugestehen, ob der zahlreichen Stereotype, mit denen man konfrontiert wird?
Und wie fühlt es sich dann an, als Psychologiestudentin an einer Essstörung zu leiden? Und wenn ja, leidet man dann überhaupt darunter? Warum therapiert man sich nicht einfach selbst? Wenn man doch Einsicht in das Störungsbild hat, wieso bleibt man dann bei dem eigenen Körper schädigenden Verhaltensweisen? Und steht es der eigenen psychischen Rehabilitation gegebenenfalls im Weg, vom Fach zu sein?

Man muss von vorn beginnen: bei sich selbst.

Um mit meinem Studienfach Psychologie zu beginnen: Ich denke, man wird vermutlich sensibler gegenüber bestimmten Themen. Als sich mein Verhalten schleichend geändert hat, ich in der Pubertät begonnen habe, restriktiv zu essen und mich über jedes weitere verlorene Kilo gefreut habe, nur um am nächsten Tag meinen Körper wieder zu verfluchen, wäre ich nie darauf gekommen, dass ich eine Essstörung haben könnte. Ich habe auf das Psychologiestudium hingearbeitet, aber aus anderen Gründen: Interesse. Dann aber habe ich begonnen, Signale anders zu deuten. Und den Weg, den ich beschlossen habe, zu gehen, wäre ich vielleicht nicht angetreten, oder erst viel später, hätte mir das fachliche Wissen und die Einsicht gefehlt. (Nicht umsonst ist Psychoedukation ein ganz klares Therapiemittel: Krankheitseinsicht und Erkenntnis über Zusammenhänge bilden das Fundament vieler Therapieformen.) Am Anfang dieses Weges, zurück zu einem anderen Umgang mit mir und einen anderen Blick auf mich, war es schwer, das Wissen über bestimmte Störungsbilder auszustellen und sich auf die Patient*innenperspektive einzulassen, ja. Und wer weiß, ein gewisser Teil von mir-, der, der mich zu der Entscheidung gebracht hat, Psychologie zu studieren-, ist eben Teil meiner Persönlichkeit. Das Interesse für die Funktionsweisen des Verhaltens und Erlebens, von Gefühlen und Motiven, Ängsten und Bedürfnissen. Das impliziert einen Hang zur Analyse des menschlichen Innenlebens, eben auch des eigenen. Und das ist irgendwie ja auch eine Art von Empathie und Beobachtungsfähigkeit, die kann man nicht abstellen. Aber man kann sich zwingen, loszulassen, und von vorn zu beginnen, bei sich selbst.

Behandle dich selbst wie deine*n beste*n Freund*in

Psychische Ticks und Störungen sind oft reaktiv, weniger endogen (was so viel heißt wie „im Körper entstehend“): Sprich, man reagiert auf bestimmte Faktoren auf eine gewisse Art und Weise. Und zwar beispielsweise, weil wir uns selber zu wenig kennen, unsere Bedürfnisse nicht anerkennen, Schwächen nicht zulassen, Stärken ungenutzt lassen. Je mehr Einsicht ich in meine Muster und Bedürfnisse erlange, desto besser geht es mir. Und dazu gehört Akzeptanz. Behandle dich selbst wie deine*n beste*n Freund*in. Erkenne Muster, unter denen du leidest, verstehe, warum automatische Gedankenprozesse ablaufen. Denn erst, wenn man sie versteht, kann man die eigenen Schemata überwinden.

Offenheit und Sensibilität für das Thema

Und zu dieser Akzeptanz, die ein Meilenstein auf dem Weg der Genesung ist, gehört dann auch, so offen damit umzugehen, wie es einem selbst nützt. Dazu gehörte, an einem Punkt, an dem ich es alleine nicht mehr bewältigen konnte, darüber zu sprechen. Mit meiner besten Freundin, mit meinen Eltern, mit meinem Therapeuten, und letztlich mit jeder*m, die*der mir irgendwie näher steht. Und dazu gehört der Mut, mit den Stereotypen, mit denen man sich konfrontiert sieht, aufzuräumen. Dafür muss man sich jedoch zu allererst eingestehen, dass man Hilfe bedarf und sich vor allem erlauben, diese einzufordern. Wer auch immer das nun liest, möge vor allem meinen Beweggrund verstehen: Sensibilität für das Thema zu wecken und Berührungsängste abzubauen.

Ein Schrei nach Aufmerksamkeit?

Denn es fühlt sich verdammt beschissen an, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass man leidet. Warum man leidet, auch wenn man vielleicht nicht danach aussieht. Oder warum man leidet, obwohl man doch vom Fach ist. Obwohl man noch leidet, selbst wenn man maladaptive Mechanismen erkannt hat, also Strategien, die einst, meist unbewusst, entwickelt wurden, um das Ich zu schützen – die nun aber mehr schaden als dass sie nützen. Warum diese nicht einfach abstellen? Manchmal frage ich mich, ob man einem Arzt auch vorschlägt, sich selber zu behandeln, wenn er eine schwere Krankheit hat. Nur leider unterliegen psychische Störungen eben noch viel zu oft Stigmatisierungen. Wer eine Depression hat, solle sich einfach mal nicht so haben und halt mal raus in die Sonne gehen. Wer Angst hat, solle sich der einfach stellen. Wer eine Essstörung hat, schreie doch nur nach Aufmerksamkeit.

Also, schreie ich nur nach Aufmerksamkeit? Entwickelt man eine Essstörung um der Aufmerksamkeit willen? Das mag ein kleines Stück des Puzzles sein, aber ein sehr kleines. Ein Hilferuf ist es sicherlich, damit nach außen zu treten, aber ab einem gewissen Punkt gehört das eben zur Akzeptanz, dieses Anerkennen der eigenen Krankheit. Und das ist ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem besseren Umgang damit: Den Kompensationsmechanismus erkennen und das Leid, was man sich selber damit verursacht, infrage stellen. Dazu gehört auch, das im Alltag immer und immer wieder zu thematisieren und zu enttabuisieren, angefangen bei dem eigenen Umfeld.

Das selbst auferlegte Stigma

Und man bekommt es mit der Angst zu tun. Angst vor dem sich selbst auferlegten Stigma: Du bist nicht krankhaft dünn, was erlaubst du dir, Hilfe zu erbitten und dich in die Opferrolle zu bringen. It’s all about Leidensdruck. Essstörungen haben so viele unterschiedliche Bilder – Erscheinungsformen, Ursachen, Kompensationsmaßnahmen, und die Bewältigung sind so individuell wie die Betroffenen. Aber vor allem eines haben sie gemeinsam: Man leidet so sehr darunter wie unter jeder anderen (psychischen) Krankheit auch. Und sich tagtäglich mit Stigmata konfrontiert zu sehen, macht es einem im Kampf gegen die inneren Dämonen nicht leichter.

„Ach echt, hätte ich nicht gedacht, sieht man dir nicht an.“

Sätze wie „Ach echt, hätte ich nicht gedacht, sieht man dir nicht an“ entmutigen einen im Kampf, der doch ohnehin schon so viel Kraft kostet. Und by the way: Natürlich sieht man jemandem eine Essstörung nicht zwangsläufig an, es ist eine psychische Störung. Und wohl auch deshalb so schwer zu akzeptieren, weil sie so eng mit Körperlichkeit und dem Körperbild zusammenhängt, assoziiert ist mit Abmagerung, Auszehrung. Und man sich einfach immer wieder fragt: Hab ich eigentlich die Hilfe nötig, bin ich wirklich krank? Oder bin ich nur zu schwach, um abzunehmen? Wenn ich jemandem davon erzähle, werden die das Gleiche denken: „Warum nimmt sie nicht einfach ab, wenn es sie so stört. Andere schaffen es doch auch?“ Man kann sich schnell verlieren in der Spirale. Doch selbst wenn man sich beispielsweise ein Ziel auf der Waage setzt: Wenn man es erreicht, gibt es längst ein neues, was darunter liegt. Wie ein Hund, der seinen Schwanz fangen will, wie die Jagd nach dem Ende des Regenbogens. Dass man sich das eingesteht und immer wieder klar macht, ist sehr wichtig. Dünn sein – das ist assoziiert mit Glücklichsein. „Wenn ich dann irgendwann dünner bin, dann…“ – und so verpasst man sein Leben zugunsten eines Idealbildes, dem man nachrennt, und was sich stets nach unten korrigiert.

Wir brauchen Aufklärung

Wir brauchen in dem Bereich so viel mehr Aufklärung. So viel Leid könnte erspart bleiben, so viele Selbstzweifel. Wieso ist eine Depression salonfähiger als eine Essstörung? Und wieso löst Bulimie Ekel, Magersucht aber Mitleid aus? In beiden Fällen liegt Selbsthass und eine Infragestellung des eigenen Wertes zugrunde. Das fühlt sich bitterschmerzhaft an und wird außerdem immer wieder getriggert durch Werbung und Oberflächlichkeiten, durch Schönheitsideale und Diätenwahnsinn. Wieso redet man ständig darüber, wer wie wann aussah, wieso neiden viele Menschen anderen den knackigen Arsch, wieso kann man sich gegenseitig nicht einfach wertschätzen, statt den immer unerreichbareren Idealbildern hinterherzueifern?

Und was man sich bewusst machen muss: Vollständige Rehabilitation gibt’s da fast nie. Immer wieder, in schwachen Momenten, bei Misserfolgen, durch ganz individuelle Triggerpunkte, können der Selbsthass und die Selbstabwertung sofort wieder hochkommen.
Man muss sich arrangieren und den Berg hinaufklettern, egal, wie schwer es einem fällt. Es wäre so verlockend, einfach umzudrehen, wieder hinunterzurennen, zurückzufallen in die alten Muster. Aber dann geht die Abwärtsspirale weiter. Wenn man sich nicht selber annehmen kann, kann man nie glücklich werden, egal, wie dünn man wird.

Denn darum geht es letztlich nicht.

Es geht um das Gefühl, niemals gut genug zu sein. Das Gefühl, nicht liebenswert zu sein, das Gefühl, man müsse etwas leisten, um angenommen zu werden. Wie soll man dieses Gefühl beschreiben, sich selber so abstoßend zu finden, dass man aufgrund dessen in ein bodenloses Loch stürzt. Und jeder kleine Sieg, jeder Tag ohne Essen oder jede weitere Stunde Sport, ist letztendlich ein weiterer Rausch, der das Suchtpotenzial erhöht. Man wird süchtig nach der Kontrolle, weil man denkt, seine Bedürfnisse kontrollieren zu können. Das Bedürfnis nach Nahrung wird stellvertretend für all die anderen menschlichen Bedürfnisse, man fühlt sich stark, wenn man unabhängig von ihnen agieren kann, nur um dann zusammenzubrechen, umgerannt zu werden von der rückläufigen Machtlosigkeit, wenn der Körper sich holt, was er braucht.
Wenn man erkennt, dass man sich selber so sehr verleugnet.

 

 

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