Essstörung: Schluss mit Stereotypen! (Teil 2)

Essstörung: Schluss mit Stereotypen! (Teil 2)

Ein Gastbeitrag von Paula Charlotte. (Teil 1 lesen)

Foto © Sarah Letalik

 

Ein paar Vorurteile, mit denen es aufgeräumt gehört, möchte ich aus der individuellen sowie aus der fachlichen Perspektive einer Psychologiestudentin kommentieren. Inspiration dafür lieferte eine Umfrage der Künstlerin Christie Begnell, die ihre Essstörung mit Hilfe ihrer Comics verarbeitet.
(Denen, die mit * versehen sind, bin ich selber begegnet.)

 

Nur Frauen können Essstörungen entwickeln.

Ich bin eine Frau, okay. Ich weiß aus dem Studium allerdings, dass auch Männer an Essstörungen leiden. Ein kleinerer Prozentsatz, aber sie leiden natürlich nicht weniger.

 

*Wenn du nicht untergewichtig / abgemagert bist, hast du keine Essstörung.

Nicht umsonst ist es eine psychische Krankheit. Oder sieht man etwa eine Depression? Es beginnt genauso im Kopf und es kann immer noch dort sein, wenn man wieder Gewicht zunimmt. Im Mittelpunkt steht eben das Körperbild, sowohl von außen und auch für einen selber. Doch das ist nicht alles, das ist die Spitze des Eisberges, darunter liegen böse, schlimme, schwarze Gefühle. Und übrigens, auch wenn man nicht untergewichtig ist, kann die Essstörung ernsthafte Gesundheitsprobleme verursachen. Man verweigert seinem Körper wichtige Nährstoffe, und dass wiederholtes Erbrechen schlecht für den Körper ist, steht außer Frage.
Ich habe mir selbst so lange verweigert, um Hilfe zu bitten: Ich hab mich selbst genauso dem Stigma unterstellt. „Du bist nicht zu dünn, du bist nicht untergewichtig, man sieht es dir nicht an, also was ist dein scheiß Problem.“ Man erlaubt sich selbst nicht, die Schwäche zuzugeben, Aufmerksamkeit darauf zu lenken, weil man denkt, man verdient es nicht, wenn niemand anderes sieht, wie sehr man leidet. Man belügt sich selber die ganze Zeit, weil man zuerst das Gefühl der Kontrolle genießt. Dabei zwingt man sich, man versagt sich Glücksmomente, man wird verbissen und es kostet so unendlich viel Kraft, permanent gegen sich selbst zu kämpfen.

 

*Anorexie und Bulimie sind die einzigen Essstörungen.

Bei mir begann es mit der Magersucht, ohne allerdings jemals den Punkt an der Grenze zum Untergewicht zu überschreiten, was ein Diagnosekriterium darstellt. Aber ich litt trotzdem, schränkte meine Nahrungszufuhr ein, behandelte meinen Körper schlecht, bis ich 46kg wog (bei einer Größe von 167cm). Selbst an diesem Punkt war ich nicht zufrieden, natürlich nicht. Später trieb ich exzessiv Sport, rutschte in die Bulimie und es pendelte ab dann bis heute zwischen den Kompensationsmechanismen. Uneindeutige Mischformen gibt es also. Und selbst wenn man „normal“ isst, sich nicht mehr übergibt oder anderweitig kompensiert, bleibt man besessen an den selbst auferlegten Regeln dran und hasst die Art und Weise, wie der eigene Körper aussieht. Man fühlt sich schwach, weil man sich weniger einschränkt, und behält sein gestörtes Verhältnis zum Essen. Ich habe nicht verstanden, dass mein Körper Nahrung zum Überleben braucht, war wütend auf diese ungerechte Biologie, die mich tagtäglich immer wieder zu diesem Kampf zwang. Essen wird der Feind, dem man nicht entkommen kann. Und dieser Kampf ist so unendlich ermüdend.

 

*Essstörungen sind ein Schrei nach Aufmerksamkeit.

Zugegebenermaßen, in meiner Therapie habe ich erkannt, dass die vielleicht einen kleinen Teil ausmachte. Aber nur einen winzigen. Denn: Wieso sollte man dann leugnen und den Umstand verbergen, dass man ein gestörtes Verhältnis zum Essen hat? Über Jahre, Jahrzehnte. Es geht um Kontrolle – die Kontrolle wenigstens in einem Bereich seines Lebens zu behalten. Unerfüllte oder scheinbar unerfüllbare Bedürfnisse stellvertretend zu versagen. Darum, sich wertvoller, liebenswert zu fühlen, etwas zu leisten, da man anderenfalls keine Zuneigung verdient (Wohlgemerkt: Es geht nicht um sexuelle Attraktivität, sondern um den Wert, den man sich selbst als Mensch gibt.)

 

Wenn du einmal wieder Gewicht zugenommen hast, bist du geheilt.

Ich habe wieder zugenommen und soll, laut Ernährungsberatung, mein für meine Körpergröße ideales Gewicht haben. Letztlich habe ich gelernt, mich gezwungen, normal zu essen – aber die Heilung ist weit entfernt. Man bleibt besessen von den Gedanken, was man essen darf und sollte, und was nicht. Warum man nicht mehr fähig ist, sich seiner Bedürfnisse zu entziehen und sie zu verweigern. Man fragt sich, warum man diese willensschwache Person ist. Man überdenkt beinahe die ganze Zeit, was man isst, und warum man so aussieht, wie man aussieht – fett, abstoßend, wie auch immer man das benennen mag. Man vergleicht sich mit anderen, unfähig, auf die natürliche Stimme des Körpers zu hören, die einem ihre Bedürfnisse mitteilt.

 

Du kannst dich dazu entscheiden, normal zu essen. Essstörungen sind eine Diät, eine Entscheidung. Die Leute können einfach damit Schluss machen.

Es heißt nicht umsonst Magersucht – es handelt sich um eine Sucht, man ist besessen: von einem Körperbild, von dem Wunsch, zu essen, von dem Kick, es sich zu verbieten. Niemand würde das freiwillig wählen, würde sich dazu entscheiden, sich so miserabel zu fühlen. Es ist eine Infragestellung der eigenen Natur und eben nicht umsonst eine psychische Störung.

 

*Essstörungen basieren auf Eitelkeit. Die Leute bekommen sie einfach nur, um attraktiver für andere zu werden.

Tief drin in diesem Sumpf hat man irgendwann keinen Sex mehr. Der Körper arbeitet nicht normal, und man beschäftigt sich nur noch mit einem Thema: Essen – weniger zu essen, aber die ganze Zeit über Nahrungsmittel nachzudenken. Und damit, seinen Körper abgrundtief zu hassen. Man würde sich selber anderen am liebsten niemals zeigen, egal, wie wenig man tatsächlich wiegt. Aber, und das muss man natürlich sagen, vor allem, weil man sich tief drinnen für nicht liebenswert hält. Dann kann Sex natürlich auch Mittel zum Zweck werden.

Und abseits der sexuellen Anziehung, nun ja. Wenn man sich anhand dessen, was einen abseits der Äußerlichkeiten als Mensch ausmacht, für nicht wertvoll, nicht liebenswert, nicht geliebt hält, dann ist man versessen darauf, wenigstens auf diese Art und Weise Zuneigung zu verdienen. Leider genießt das Aussehen in unserer Gesellschaft eben auch einen hohen Stellenwert – in einem Ausmaß, dass es insbesondere junge Menschen sehr schädigen kann.

 

Nur gut situierte, junge, weiße Mädchen bekommen Essstörungen.

Das ist nicht wahr. Jedes Alter (insbesondere auch Kinder), Geschlecht (männliche Essstörungen sind ein ernsthaftes Problem, da oft unterrepräsentiert und unterschätzt bspw. in der Forschung), jede Gesellschaftsschicht und Menschen jeder Hautfarbe.

Oder bekommen etwa nur männliche Mittelklasse-Dreißigjährige eine Depression?
Ihr seht, worauf ich hinaus will…

 

*Bei Essstörungen geht es nur um Kontrolle.

Es geht um Verlangen und Verweigerung, es geht um fundamentale Bedürfnisse, von denen man denkt, man verdient deren Erfüllung nicht. Es geht um den Kampf gegen die inneren Dämonen und gegen deine eigene Natur, es geht um Besessenheit.

           

Zum Abschluss möchte ich noch zwei Dinge loswerden.

Zum einen möchte ich denjenigen, die Menschen mit Essstörungen stigmatisieren und diskriminieren und die deren Leid nicht anerkennen, etwas sagen: Das Gefühl, niemals genug zu sein – nicht dünn genug, nicht fit genug, nicht liebenswert genug – ist furchtbar. Das Gefühl, dich selber die ganze Zeit infrage zu stellen und dich selbst zu hassen. Ich fürchte mich mehr davor, dass andere Menschen mich so sehen könnten, wie ich mich selbst sehe – abstoßend, fett, unzureichend, unförmig, zu viel– als ich mich davor fürchte, beispielsweise überfallen zu werden.  Und dann mit diesem Gefühl so allein zu sein, weil du dir selbst nicht erlaubst, dir Hilfe zu holen – das drängt einen noch weiter in die Arme der Selbstzweifel. Durch die Konfrontation mit Stereotypen rutscht man immer mehr in diesen Strudel, wo die Kontrolle einem Schutz vorgaukelt.

Und an diejenigen, die selber an einer Essstörung leiden, gelitten haben, oder ähnliche Selbstzweifel hegen: Das Wichtigste ist, wieder zu lernen, auf den eigenen Körper zu hören. Er ist dein Freund, das eine Zuhause, worin du dein Leben lang lebst. Und womit du leben musst. Man muss neu lernen, auf die Bedürfnisse zu hören und sie ihm zu erfüllen – die beste Art und Weise, ihn zu behandeln. Man muss Frieden schließen mit sich selbst, das erlaubt einem so viel mehr, sich glücklich zu fühlen, als man es je erwartet hätte. Man muss die eigenen Stärken erkennen, indem man darauf achtet, was einem gut tut. Und man muss es wagen, die Erfahrung zu machen, dass man genau so geliebt wird, wie man ist. Das klingt platt, aber manchmal muss man sich auf solch rudimentäre Lebensweisheiten zurück besinnen und sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, wie Glaubenssätze. Man muss den vom Essen und Nicht-Essen besessenen Gedanken den Raum und den Atem rauben, indem man ihnen positive entgegenhält. Man muss gegen jahrelang angelegte Regeln ankämpfen und intuitives Essen völlig neu lernen. Aber man kommt sich selber näher und das ist das Beste, was einem passieren kann, denn mit sich selbst muss man schließlich sein ganzes Leben verbringen.

 

Quellen:

-Men, Muscles, and Eating Disorders: an Overview of Traditional and Muscularity-Oriented Disordered Eating. Lavender, J.M., Brown, T.A. & Murray, S.B. Curr Psychiatry Rep (2017) 19: 32.

-Scott, D. W. (1986), Anorexia nervosa in the male: A review of clinical, epidemiological and biological findings. Int. J. Eat. Disord., 5: 799–819.

-Sharp, C. W., Clark, S. A., Dunan, J. R., Blackwood, D. H. R. and Shapiro, C. M. (1994), Clinical presentation of anorexia nervosa in males: 24 new cases. Int. J. Eat. Disord., 15: 125–134.

 

Mehr von Paula Charlotte lesen: wasserglasmädchen.de

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