Homoromantisch und heterosexuell? – Über Sinn und Unsinn des Split Attraction Model

Homoromantisch und heterosexuell? – Über Sinn und Unsinn des Split Attraction Model

Ich bin wohl nicht die einzige, die diesen Satz nicht mehr hören kann. Viele Frauen, die sich selbst eigentlich als hetero definieren, führen gerne aus, wie sexy sie diese eine Schauspielerin finden, wie ästhetisch Frauenkörper doch sind, dass sie ja auch manchmal betrunken mit Frauen knutschen oder sogar Sex haben. Aber früher oder später fallen sie dann doch, die magischen Worte: „Aber ich könnte mich ja nie in eine Frau verlieben!“

Für einige bedeutet das keineswegs, dass sie ihre Hetero-Identität hinterfragen müssten – schließlich findet es ja auch die Cosmopolitan total ok, wenn Hetero-Frauen andere Frauen als eine Art Sexspielzeug benutzen. Andere fragen sich, kann ich mich überhaupt als bi bezeichnen, wenn meine Gefühle gegenüber Frauen rein sexueller Natur sind, aber ich keine Schmetterlinge im Bauch habe?

Ich bin der Meinung, dass es auf diese Frage keine eindeutige Antwort gibt. Wie man sich selbst bezeichnet, kann jeder Mensch für sich entscheiden. Weswegen man erstmal vorsichtig sein sollte, wenn einem die scheinbar perfekte Lösung auf dem Silbertablett serviert wird.

Das Split Attraction Model: Liebe und Sex sind zwei Paar Schuhe

Eine solche scheinbar perfekte Lösung bietet das sogenannte „Split Attraction Model“ (SAM), auf deutsch etwa „Modell der getrennten Anziehung“. Es geht davon aus, dass sich romantische und sexuelle Anziehung nicht unbedingt auf das oder die selben Gender beziehen muss. Um bei dem obigen Beispiel zu bleiben: Eine Frau, die Männer und Frauen sexuell attraktiv findet, aber nur für Männer romantische Gefühle entwickelt, wäre laut dem SAM also „bisexuell und heteroromantisch“.

Das Split Attraction Model entstand in seiner heutigen Form wohl um 2005, wobei es offenbar erst vor zwei Jahren größere Bekanntheit erlangt hat. Ursprünglich stammt das SAM aus der Community der asexuellen und aromantischen Menschen, kurz Ace/Aro-Community. Diese Personen fühlen sich zu niemandem sexuell bzw. romantisch hingezogen. Es gibt jedoch asexuelle Menschen, die sich in andere Menschen verlieben können, ebenso wie aromantische Menschen, die sich von anderen sexuell angezogen fühlen. Um auszudrücken, zu welchem Gender man sich hingezogen fühlt, wurden Begriffe wie „asexuell und biromantisch“ oder „aromantisch und homosexuell“ geprägt.

Das Problem mit der Terminologie

Für Ace- und Aro-Menschen erweist sich das Modell also als durchaus nützlich – so nützlich, dass zunehmend auch Menschen außerhalb des Ace-Spektrums das SAM nutzen, um ihre Orientierung zu beschreiben. Doch der Teufel steckt wie so oft im Detail. Denn: Etymologisch betrachtet beziehen sich Begriffe wie heterosexuell, homosexuell und bisexuell nicht ausschließlich auf sexuelle Anziehung. Das lateinische „sexus“ beschreibt das Geschlecht, also männlich, weiblich, usw. Während „homo“ „gleich“ bedeutet, steht „hetero“ für „unterschiedlich“. Man fühlt sich also zum „gleichen Geschlecht“ oder zu einem „anderen Geschlecht“ hingezogen. Und zwar nicht nur sexuell. Im allgemeinen Sprachgebrauch verwenden wir hetero-, homo- und bisexuell, um romantische und sexuelle Orientierung gleichermaßen auszudrücken.

Was passiert nun, wenn Menschen zunehmend ihre Orientierung in „romantisch“ und „sexuell“ trennen und die oben genannten Begriffe dafür verwenden? Homo-, hetero- und bisexuell werden nur noch auf eins von beidem reduziert, nämlich die sexuelle Komponente. Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil Schwule, Lesben und Bisexuelle in unserer Gesellschaft sowieso schon extrem übersexualisiert gesehen werden – vergleiche etwa das Pornoklischee der sexy Lesbe(n) oder das Vorurteil, Bisexuelle könnten nicht treu sein. Diese Begriffe in ihrer Bedeutung zu reduzieren, verstärkt leider solche schädlichen Stereotype. Auch wenn das SAM für einige Menschen außerhalb des Ace-Spektrums ein sinnvolles Werkzeug zum Beschreiben ihrer Orientierung sein mag, die dafür verwendeten Begriffe sind nicht unproblematisch.

Das Problem mit der Homophobie

Was man sich ebenfalls bewusst machen sollte, wenn es um das Split Attraction Model geht: Wir leben nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum. Sprich, unser Selbstbild, unsere Identität, wird geformt von den äußeren Umständen, unter denen wir existieren.

Wer behauptet, dass Menschen aller Orientierungen in unserer Gesellschaft gleichberechtigt wären, macht sich leider etwas vor. Die „Ehe für alle“ mag beschlossen sein – trotzdem ist „schwul“ in der Jugendsprache ein Synonym für „scheiße“, homophobe Witze und Vorurteile sind im Alltag wie in den Medien immer noch weitverbreitet, und die AfD darf lautstark fordern, in Kitas nicht mehr über unterschiedliche Orientierungen aufzuklären. LGBT-Menschen wachsen in einer Welt auf, in der Heterosein der Standard ist und wenn man diesem nicht entspricht, ein sogenanntes „Coming Out“ notwendig ist (das sich übrigens das ganze Leben über bei immer neuen Bekanntschaften wiederholt). Studien haben erwiesen, dass schwule Männer besonders gefährdet sind, an Depressionen zu erkranken. Kurzum: Es gibt jede Menge Gründe, sich zu wünschen, hetero zu sein, und Gefühle, die dem widersprechen, zu unterdrücken oder abzutun.

Wenn mir eine Frau in ihren Zwanzigern sagt, sie könnte sich „nie“ in eine Frau verlieben, denke ich an all die Menschen, die erst mit über 40 gemerkt haben, dass sie sich zu Personen ihres eigenen Geschlechts hingezogen fühlen – oft, weil sie zuvor diese Gefühle mit aller Macht unterdrückt haben. Ich will dieser Frau keineswegs vorschreiben, wie sie sich zu definieren hat. Aber dennoch sollte man nicht unterschätzen, dass viele Menschen auch deshalb an ihrer Hetero-Identität festhalten, weil wir noch immer in einer homophoben Gesellschaft leben.

Das Split Attraction Model hat sicherlich seinen Nutzen, insbesondere für Ace- und Aro-Menschen. Aber gerade wenn es außerhalb des Ace-Spektrums angewandt wird, birgt das Modell auch das Potenzial, Vorurteile gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen sowie verinnerlichte Homophobie zu verstärken. Ohne das Modell an und für sich verteufeln zu wollen, ist es mir dennoch wichtig, auf diese Probleme aufmerksam zu machen.

Feline mag schlechte Wortwitze, queerfeministische Medienkritik und Weißwein. Sie freut sich bereits auf ihr späteres Leben als merkwürdige alte Frau mit sehr vielen Katzen.

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