Filmkritik „Tigermilch“: Gut gebrüllt, Mädels

Filmkritik „Tigermilch“: Gut gebrüllt, Mädels

Die beiden kess in die Kamera blickenden Mädels und der knallbunte Schriftzug Tigermilch könnten einen täuschen, wenn man sich allein vom Filmposter zum Kinokartenkauf inspirieren ließe. Was aussieht wie die Feelgood-Teeniekomödie des Sommers – und ehrlich gesagt auch so losgeht – beginnt schon bald an der heiteren Oberfläche zu kratzen und (zum Glück) Genre-Erwartungen in den Wind zu schießen.

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Stefanie de Velasco erzählt von den besten Freundinnen Nini und Jameelah, beide 14 Jahre alt, die diesen Sommer Großes vorhaben (Stichwort: „Defloration“) und von noch wesentlich Größerem eingeholt werden. Während die beiden so augenscheinlich banale Teenagerdinge tun, wie fragwürdige Mischgetränke anrühren oder per Liebeszauber den Angebeteten für sich zu gewinnen versuchen, hängt über ihnen das Damoklesschwert der drohenden Abschiebung von Irakerin Jameelah, die derweil fleißig für den Einbürgerungstest paukt und Bestnoten in Deutsch schreibt. Nebenbei entfacht sich in ihrer Berliner Sozialbau-Hochhaussiedlung eine Romeo-und-Julia-Situation zwischen bosnischen und serbischen Nachbarsfamilien, die zunehmend zu eskalieren droht. In einer sich immer weiterdrehenden Spirale aus körperlicher, emotionaler und institutioneller Gewalt kollidieren naive Teenagerträume vom romantischen ersten Mal mit einer – natürlich teilweise überspitzten – Realität, die anders aussieht als in „solchen Filmen“ üblich.

Der schwierige Balance-Akt zwischen ernstzunehmendem Sozialdrama und leichtfüßigem Komödchen klappt erstaunlicherweise ziemlich gut. Auch wenn Tigermilch gelegentlich in Klischeefallen tappt (eine Villenparty voller Vierzehnjähriger mit professioneller Live-Hiphop-Band und ohne Erwachsene, das ist selbst für Berlin etwas zu viel Wish Fulfilment), insgesamt behält die Story doch ihre Glaubwürdigkeit. Das ist nicht zuletzt den beiden Hauptdarstellerinnen zu verdanken, die ihre Rollen so authentisch verkörpern, dass man sich mitunter schon in Erinnerung rufen muss, dass das ja alles nicht echt ist.

Lobend zu erwähnen sei außerdem, dass Regie, Drehbuch und Produktion größtenteils von Frauen ausgeführt wurden. Was sicherlich auch Einfluss darauf hatte, dass die weiblichen Figuren echter wirken, als es im Kino sonst oft der Fall ist. Auch wenn der Film ein paar leidige Mythen bekräftigt, wie etwa dass ein Bett voller Blut beim ersten Mal „normal“ sei, kann man doch froh sein, dass hier mal eine Ode an die Mädchenfreundschaft geschrieben wird, die ohne oberflächliches Herumzicken auskommt und deren Konflikte stattdessen nachvollziehbar erscheinen – auch wenn sie stilecht mit Kratzen, Beißen und „Deine Mutter!“-Rufen ausgetragen werden.

Hinweis: Der folgende Abschnitt enthält Trigger-Warnungen bezüglich des Films und diskutiert eine bestimmte Szene auf eine Weise, die Teile des Inhaltes verrät („Spoiler“). Wer keine solcher Warnungen benötigt und/oder sich den Film noch ansehen möchte, ohne Näheres zur Story zu erfahren, sollte also hier aufhören zu lesen.

Folgende potenziell triggernde Elemente kommen in dem Film vor (diese Liste erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit): Sex zwischen minderjährigen und volljährigen Personen, Kinderprostitution, körperliche Gewalt, Mord.

Der nun folgende Abschnitt bezieht sich auf eine Szene, in der Sex zwischen minderjährigen und volljährigen Personen vorkommt.

Was mir leider wohl noch für eine ganze Zeit ins Gehirn eingebrannt bleiben wird, ist eine Szene, in der Nini und Jameelah auf den Straßenstrich gehen, einfach um was zu erleben. Sie steigen zu einem Freier ins Auto, sie feiern in einer Bar mit ihm und seinem Freund, einem weiteren Freier. Dieser sitzt übrigens im Rollstuhl, was überhaupt nichts zur Sache tut und was ich genau deswegen betonen will, weil Menschen mit Behinderungen viel zu wenig in Filmen vorkommen und wenn, dann meistens als inspirierend gegen ihr „hartes Schicksal“ kämpfende Figuren. Aber natürlich sind Menschen mit Behinderung genauso vielfältig wie alle anderen Menschen. Man kann sie also gerne auch mal in der Form eines ausgesprochen uninspirierenden Menschen darstellen wie z.B. eines Freiers, der die Dienste einer minderjährigen Prostituierten in Anspruch nimmt. Wenn die beiden Mädchen mit den Männern aufs Hotelzimmer gehen, denkt man, naja, ich habe genug Filme gesehen, die werden hier schon irgendwie herauskommen. Doch der Deus ex Machina, der unsere Protagonistinnen auf an den Haaren herbeigezogene Weise vor ihrem Schicksal bewahrt, kommt nicht. Wir sehen zu, wie zwei Vierzehnjährige ihr erstes Mal Sex mit je einem erwachsenen Mann erleben, wofür sie von diesen bezahlt werden, und auch wenn das Voice-Over versucht, die Szene mit Humor etwas erträglicher zu machen, es will kaum gelingen. Selbst das obligatorische post-koitale „Wenn ich gewusst hätte, dass du minderjährig bist, hätte ich das ja niiiie gemacht!“ bleibt aus. Diese Männer wissen genau, mit wem sie sich da einlassen, und sprechen das Alter ganz bewusst niemals an.

Für die beiden Hauptfiguren scheint dieses Erlebnis nichts zu sein, was man hinterher in irgendeiner Form aufarbeiten oder überhaupt je wieder erwähnen müsste. Verdrängung ist selbstverständlich eine realistische Taktik, um mit Trauma umzugehen, sofern es sich hierbei für die Mädchen um eine traumatische Erfahrung handeln soll. Dadurch legt der Film aber auch die Interpretation nahe, dass die beiden einfach nur relativ enttäuschenden Sex hatten und mit ziemlich viel Geld abgehauen sind. Natürlich wissen wir (erwachsenen) Zuschauer*innen, dass wir gerade auf der Leinwand zwei Erwachsenen beim Sex mit Minderjährigen zugeschaut haben. Ich weiß aber auch, dass ich mit 13 Jahren dachte, es wäre okay, sich mit einem 24-Jährigen zu treffen, weil ich ja reif für mein Alter wäre. Was ich nicht war. Dieser Film hat eine Altersfreigabe ab zwölf. Und wenn ich an die zwölf- bis 15-Jährigen denke, die ihn sich ohne Eltern ansehen werden, dreht sich mir schon ein wenig der Magen um. Ob der Film verantwortungsvoll genug mit einer solchen Szene umgeht, kann ich nicht zu hundert Prozent bejahen.

 

Tigermilch läuft seit 17. August in den deutschen Kinos.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Constantin Film

Feline mag schlechte Wortwitze, queerfeministische Medienkritik und Weißwein. Sie freut sich bereits auf ihr späteres Leben als merkwürdige alte Frau mit sehr vielen Katzen.

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