Kein Abortus ist auch keine Lösung

Kein Abortus ist auch keine Lösung

Ein Gastbeitrag von Doroteja Jakovic


Anmerkung der Redaktion: Die *innenAnsicht versteht sich als trans-, nonbinary-, agender-, genderqueer- und inter-inklusiv. Deswegen weisen wir ergänzend zum folgenden Artikel darauf hin, dass Frauen selbstverständlich nicht die einzige Personengruppe darstellen, die durch strenge Abtreibungsgesetze unterdrückt und diskriminiert wird.


In der Geschichte der Menschheit gab es nur zwei Staaten, in denen Frauen das Recht auf Abtreibung verfassungsrechtlich garantiert war: Jugoslawien und die Sowjetunion.

Die heutigen gesellschaftlichen Werte Kroatiens sind davon meilenweit entfernt. Heute läuft es eher nach dem Slogan: Haushalt, Heimat und Zuverdienst, denn immer wieder stellen Funktionäre der konservativen rechten Partei HDZ oder der mit ihr verbündeten katholischen Kirche Frauenrechte infrage.

An der Macht ist eine konservative Koalition mit einem sehr starken rechten Flügel, an deren Spitze die aktuelle kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic steht. Diese konservative Koalition arbeitet mit anderen politischen Organisationen wie z.B. der Initiative „U ime obitelji“ (Im Namen der Familie) und Vigilare, sowie christlichen Fanatiker*innen mit Rosenkranz und Veteranenvereinen zusammen.

Backlash im gesellschaftlichen Klima

Foto Voxefeminae/Deborah Kelly

Pro-Life-Organisationen fordern ein Abtreibungsverbot und bilden eine starke Strömung, die nicht nur die reproduktiven und sozialen Frauenrechte, sondern indirekt auch die Arbeitsrechte von Frauen untergräbt. Schließlich sollen die Frauen Kinder bekommen statt arbeiten.
Doch eine Weltanschauung, die das Recht auf Abtreibung ablehnt oder stark begrenzt, ist reiner Fundamentalismus, pure Ideologie und radikale Frauendiskriminierung. Denn ein Staat, der solche Forderungen aktiv bedient, dringt mit Gewalt in die Privatsphäre der Frauen ein und begrenzt ihre Wahlfreiheit.
Kurz und knapp gefasst: Kern einer solchen Politik ist der radikale Versuch eines Wiedererstarkens des Patriarchats.

Was tut sich in Kroatien konkret angesichts dieses gesellschaftlichen Klimas? Obwohl das Thema Abtreibung stets auf der Tagesordnung der kroatischen Regierung steht – was konkret damit passiert, bleibt völlig unklar.

Ein neuer Gesetzentwurf sorgt für Unruhe

Die Situation in Kroatien sieht gerade folgendermaßen aus: Das kroatische Verfassungsgericht positioniert sich nach 26 Jahren zwar gegen die von christlich-fundamentalistischen Gruppierungen (wie z.B. „U ime obitelji“) angestrebte Kriminalisierung und moralisch-gesellschaftliche Ächtung von Schwangerschaftsabbrüchen. Dennoch hat es beschlossen, dass das jahrzehntealte Gesetz aus dem ehemaligen Jugoslawien, das Abtreibungen erlaubt, „modernisiert“ werden muss.

Das kroatische Parlament soll binnen zwei Jahren ein neues Gesetz entwerfen, da das jetzt vorhandene veraltet sei und Institutionen adressiert, die nicht mehr existieren. Zudem solle sich das Gesetz dem neuen EU-rechtlichen und institutionellen Rahmen im Bereich des Gesundheitswesens, der Wirtschaft und der Bildung anpassen (also einem internationalen Standard). Es soll außerdem präventive Maßnahmen beinhalten, sodass eine Abtreibung zur Ausnahme wird.

Das alles ist noch immer sehr verkürzend, denn Tatsache ist, dass sich die reproduktiven Rechte nicht nur auf Abtreibung und Verhütungsmittel beziehen. In dieser Debatte geht es nicht nur um das Recht der Frauen „kein Kind“ zu haben (Recht auf Abtreibung), sondern auch um ihr Recht „ein Kind“ zu haben (Kinderwunsch). Das Problem besteht also vielmehr darin, dass andere über die Körper der Frauen entscheiden, indem sie versuchen über unsere Leben und unseren Wunsch nach Familiengründung zu bestimmen.

Die freie „Wahl“ ist sozusagen total aus dem gesellschaftlichen Diskurs gestrichen. Es scheint nicht wichtig, ob Frauen unter solchen Bedingungen leben, die erlauben, ein gesundes Leben zu führen und sich um ihr Baby kümmern zu können. Es zählt nur die Anzahl der Geburten. Und falls „das Muttersein“ nicht glatt läuft, weil man beispielsweise keinen Job oder keine Unterstützung bei der Erziehung hat, läuft es nach dem Motto: „Du bist selber schuld! Du hättest dich mehr bemühen sollen!“.

Die Fragen, ob Frauen Kinder wollen, wann sie Kinder planen und wie viele es sein sollen, werden Frauen global gesehen nicht gestellt. In diesem Sinne ist es eine Frechheit über Reproduktion, Geburt und Abtreibung zu diskutieren, sich aber dabei nicht die Fragen zu stellen, wer wie viel arbeitet und für wen, wer wie viel verdient und wie es um die Arbeitsmarktchancen von jungen Frauen bestellt ist.

Es regt sich Widerstand

Foto fAKTIV: Nachtmarsch zum internationalen Frauentag 2017 in Zagreb

Deshalb ist es ein großer Fortschritt, dass in Kroatien Revolten zu sehen sind und verschiedene Initiativen, Organisationen, Gruppen und feministische Kollektive wie z.B. fAKTIV, Libela, Ženska mreža Hrvatske und andere auf die Straße gehen und um ihre Rechte kämpfen.
Das Leitmotiv des Nachtmarsches zum internationalen Frauentag, der dieses Jahr zum ersten Mal in mehreren kroatischen Städten organisiert wurde, lautete: „Kampf um die reproduktiven Frauenrechte – Recht auf Abortus“.
Der Nachtmarsch versammelte in Zagreb ca. 6.000 Menschen und wurde in mehreren kroatischen Städten organisiert, womit er zur größten Demonstrationen für Frauenrechte in den letzten Jahren wurde. Der Protest zeigt, dass die Frauen Ex-Jugoslawiens auch nach der reaktionären und nationalistischen gesellschaftlichen Wende in den meisten Nachfolgestaaten nach wie vor selbstbewusst sind und bereit, ihre Rechte zu verteidigen – und die Rechte aller Frauen weltweit.

Rechte Organisationen ziehen alle Register

Obwohl der linke, feministische Pool mittlerweile sehr aktiv ist, sich gut verbreitet und wächst, mangelt es bei den progressiven feministischen Gruppierungen an Infrastruktur und finanzieller Unterstützung. Gerade das haben die rechts-orientierten Aktivist*innen im Übermaß.
Die Organisation „U ime obitelji“, vielmehr deren Anführerin Željka Markić kündigte bereits an, dass sie das Gesetz verschärfen wolle und ein Referendum anstrebe. Zudem ist der rechte Pool so gut vernetzt, dass sie sogar Informationen über Frauen, die sich für eine Abtreibung entschieden haben, bekommen, um sie dann von der Abtreibung abzuhalten.
Beispielswiese hat die Initiative „40 Tage für das Leben“ ihre Mitglieder über die sozialen Medien mobilisiert, Frauen vor Krankenhäusern aufzuhalten, die einen Schwangerschaftsabbruch vorhaben. In 24 kroatischen Städten ist die Organisation aktiv. Von einem Krankenhaus in Vukovar wurde die Initiative über die Abtreibung einer Frau informiert. Sofort wurde diese Information auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht. Die Mitglieder wurden aufgefordert, sich vor dem Krankenhaus zu versammeln und der Frau ihre Hilfsbereitschaft und Unterstützung anzubieten. Dieses Vorgehen ist jedoch eine tiefe Verletzung der Privatsphäre der Frauen und ein eklatanter Verstoß gegen den Datenschutz seitens der Krankenhäuser.

Zeit für neue politische Konzepte

Gerade deswegen brauchen wir effektive politische Konzepte, die Eltern und ihren Kindern eine Zukunft verschaffen. Es bedarf umfassender sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit und Verhältnisse, in denen die familiären und beruflichen Verpflichtungen (und Rechte) junger Frauen und Männer gleich gewichtet sind, um die Geschlechterrollen zu überwinden.

Dazu gehören jegliche Art von Maßnahmen, die dazu beitragen, Gleichberechtigung im täglichen Leben zu gewährleisten, wie zum Beispiel ein gleicher Anspruch auf Elternzeit und -geld, die gerechte Verteilung und Vergesellschaftung von Reproduktionsarbeit (Kitas) und vieles mehr.

Im Bereich der reproduktiven Rechte bezieht sich das vor allem auf einen sicheren Zugang zu sozialstaatlichen Einrichtungen. Diese sollten die Eltern unterstützen, indem sie

  • die gleiche Verteilung der familiären Verpflichtungen sowie die Stärkung der Vater- und Mutterrechte befördern
  • eine finanzielle Unterstützung in der Elternzeit anbieten
  • die Wohnfrage sichern
  • stabile Arbeitsverhältnisse mit flexiblen Arbeitszeiten bieten/schaffen
  • sowie einen universellen Zugang zum Gesundheitssystem ermöglichen, vor allem in Bezug auf die reproduktiven Bereiche wie Familienplanung und sexuelle Gesundheit.

Solange diese Rahmenbedingungen nicht gesichert sind, leben wir in nicht gleichberechtigten Verhältnissen, in denen die ganze Last um das „potenzielle Kind“ allein auf den Schultern der Frau liegt. Genau das muss geändert werden! Ich fürchte, dass der Weg dahin blutschwer sein wird, denn wirft man einen Blick zurück in die Geschichte, stellt man sehr schnell fest, dass Minderheiten ihre Rechte so gut wie nie durch gesellschaftliche Verhandlungen, Petitionen oder Diskussionen erlangt haben. Oh nein! Ihre Rechte waren lediglich bestimmt von der jeweils aktuellen wirtschaftlichen und politischen Situation.

In diesem Sinne sollten unsere heutigen Anforderungen bzw. unser Kampf noch radikaler geführt werden! Es soll nicht nur beim Gesetz von 1978 bleiben, sondern wir müssen das verfassungsmäßige Recht aus 1974, das den Frauen die freie Entscheidung über die Geburt eines Kindes auch materiell garantiert, zurückerkämpfen.

Foto Voxefeminae/ Aktion vor dem Verfassungsgericht „Nećemo natrag na ilegalan pobačaj‘. ‚Naša tijela – naš izbor“ (Gegen illegale Abtreibung. Unser Körper-Unsere Wahl).

 

 

2 thoughts on “Kein Abortus ist auch keine Lösung

  1. Liebe Sabrina,
    vielen Dank für dein Feedback:) Ja, es ist extrem wichtig, dass man sich austauscht, gegenseitig bildet, über Probleme spricht und zwar laut und öffentlich, denn nur so werden unsere eigentlich “ selbstverständlichen“ Bedürfnisse siechbarer.

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